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Ein Plädoyer für Holz

Baublatt | 05.08.2022

Katrin Ambühl

Über Holz wird derzeit viel debattiert und geschrieben. Ein neues Buch und eine dazugehörende Ausstellung nähern sich dem Thema Holz in der Architektur von einer vielschichtigen Perspektive aus an und laden zu einem differenzierten Nachdenken über die gebaute Umwelt ein. Urheber des Projekts sind zwei Architektinnen und ein Architekt, die mehr über das Material erfahren wollten und zusammen mit verschiedenen Experten ein breites Wissen über Holz zusammengetragen haben.

Während das Buch «Touch Wood» Wissensbeiträge aus unterschiedlichen Fachgebieten präsentiert, geht es in der gleichnamigen Ausstellung im Zentrum Architektur Zürich um etwas ganz anderes: um Ausstellungsstücke von Projekten rund ums Holz und ums sinnliche Erleben des Materials. Holzduft liegt in der Luft, Klänge bezirzen das Ohr, das Auge staunt. Das Staunen beginnt bereits in der Eingangshalle, wo eine imposante Holzwand aus 1500 identischen Holzelementen steht. Die Akustikwand basiert auf einem Pilotprojekt mit dem Ziel, Architektur und Akustikmassnahmen zu verbinden. Im Nebenraum wird die Kompetenz der aktuellen Schweizer Holzverarbeitungsindustrie abgebildet, zum Beispiel eine Holzlehmwand, glasfaserverstärktes Holz oder 3D-geplante Freiformen in Holz. Der gegenüberliegende Nebenraum zeigt zirka 60 Modelle zeitgenössischer Architektur in Holz – vom Tamedia-Gebäude in Zürich über das Gipfelrestaurant Chäserrug im Toggenburg bis hin zum Hochhaus Pi, das derzeit in Zug im Bau ist.

Von Fundstücken und Flössern

Das Staunen setzt sich auf der oberen Ausstellungsetage fort. Beim Beitrag «Growth Model» kann man Bäumen beim Wachsen zuhören, eine sphärische, fast schon mystische Erfahrung, die aber auf hochpräzisen Messdaten basiert. Das Forschungsund Beobachtungsnetz «TreeNet» sammelt seit 2011 Daten zum Gesundheitszustand und zum Wachstum von Bäumen. Insgesamt werden rund 420 Bäume an 61 Standorten beobachtet. Vor kurzem wurde eine Studie publiziert, die das Wachstum von Bäumen detailliert aufzeigt und die deutlich macht, dass Baumarten nicht nur unterschiedlich schnell wachsen, sondern auch in unterschiedlichen Zeitfenstern. Allen gemeinsam ist, dass sie vor allem nachts wachsen. In der Installation «Growth Model» sind die Messdaten in eine klanglich-künstlerische Erlebnisform gebracht worden.

Archaischer ist der Ausstellungsbereich mit alten Holzfundstücken: Das älteste ist ein Föhrenstrunk und eine Baumscheibe, die 2013 beim Aushub für Bauarbeiten im Zürcher Binzquartier gefunden wurden und die geschätzte 13 000 Jahre alt sind. Nicht ganz so alt, aber ebenfalls eine lange Geschichte hat das Flössen, eine traditionelle Art des Holzschlags an steiler Hanglage an einem See, bei dem die gefällten Stämme in den See heruntergelassen werden, und von dort – zu einem Floss gruppiert – zum Bestimmungsort gefahren werden. In Mitteleuropa gibt es heute noch genau einen Ort, wo diese traditionsreiche, schonende und aufwändige Art des Holzschlags praktiziert wird: am Ägerisee im Kanton Zug. Über diese Tradition hat Thomas Horat den Dokumentarfilm «Ins Holz» gedreht: einen Streifen voller risikoreicher Arbeiten und atemberaubender Naturbilder. Allein dieser filmische Beitrag ist einen Ausstellungsbesuch wert.

Von «Hölzigen», «SlowWood» und Hightech-Methoden

Der Blick auf den Werkstoff ist breit im Buch «Touch Wood – Material, Architektur, Zukunft», das von Carla Ferrer, Thomas Hildebrand und Celina Martinez-Cañavate herausgegeben wurde. Die Arbeit gibt einen vielschichtigen Einblick in das Universum Holz, thematisiert sowohl traditionelle Handwerksarbeiten wie auch intellektuelle Auseinandersetzungen. So wird beispielsweise die Kulturgeschichte des Schweizer Holzhausbaus, die «Hölzigen», also die Fachleute in der Verarbeitung von Holz zu Architektur, thematisiert. Weiter wird die Initiative «SlowWood» vorgestellt sowie die globale Waldwirtschaft beleuchtet von Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Fachgebieten. Neben Hubertus Adam gehören etwa auch Herzog & de Meuron oder Kengo Kuma zu den Urhebern der Buchbeiträge. Gegliedert ist das Buch in drei Teile. Der erste dreht sich um den Wald selbst und die Nutzung für die Holzwirtschaft. Im mittleren Teil richtet sich der Blick auf die uralte Beziehung zwischen Mensch und Holz, und im letzten Kapitel schliesslich liegt der Fokus auf der Anwendung des Werkstoffs in der Architektur. Den Schlusspunkt bildet kein intellektuelles Nachwort oder gar ein moralischer Appell, sondern ein stichwortartiger Epilog im Stile eines Manifests. «In Jahrhunderten und nicht in Jahren zu denken», lautet einer der denkwürdigen Anregungen. Ein spannendes, visionäres, aber auch pragmatisches Buch, denn die Autoren sind sich bewusst, dass das Bauen mit Holz zwar kein Königsweg aus der ökologischen Krise ist, aber sicher kein Holzweg.

Interview mit Thomas Hildebrand

Die Ausstellung und Publikation «Touch Wood» sind das Ergebnis einer unabhängigen Untersuchung, die von den beiden Architektinnen Carla Ferrer und Celina Martinez-Cañavate sowie vom Architekten Thomas Hildebrand durchgeführt wurde. Das Baublatt hat mit Thomas Hildebrand, dem Architekten und Inhaber des Zürcher Büros Hildebrand, über die Motivation für die Arbeit, deren Entstehung und Ziel gesprochen.

Herr Hildebrand, was war der Auslöser, ein weiteres Buch zum Thema Holz zu verfassen?

Es war die Grundfrage, was wir als Architekten dazu beitragen können, die angestrebten CO2-Emissionen zu reduzieren. Holz kann eine wesentliche Rolle bei der Dekarbonisierung spielen, denn Baumaterialien und die Erstellung von Bauwerken sind für etwa zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Ein anderer Auslöser war die Erkenntnis, dass an den Universitäten das Thema Holz stark thematisiert wird, die Studierenden suchen intensiv und aktiv nach Antworten. Diese Energie wollen wir unterstützen.

Gab es eine Vorgeschichte, die schliesslich zum Buch und zur Ausstellung führte?

Holz ist für mich als Architekt schon lange ein Thema, zudem hatten wir früher schon einmal ein Projekt für eine ähnliche Ausstellung an der Architekturbiennale in Venedig eingereicht.

Welche Vorstellung hatten Sie zu Beginn vom Inhalt des Buches?

Wir wollten Wissen aus unterschiedlichen Fachgebieten zusammentragen mit dem Ziel und der Überzeugung, dass wir nur weiterkommen, wenn wir Wissen teilen. Aber dazu braucht es ein breiteres Wissensspektrum, einen umfassenderen Blick auf das Material.

Aus welchem Grund haben Sie das Projekt im Dreierteam entwickelt?

Carla, Celina und ich kennen uns seit langem und haben immer wieder zusammengearbeitet. Interessant ist, dass wir alle in unterschiedlichen Jahrzehnten geboren sind und aus verschiedenen Kulturen stammen. Dies ermöglichte einen breiteren Blick auf das Thema.

Sehen Sie heute tatsächlich eine merkliche Abkehr vom Bauen mit Beton in Richtung Holz?

Zunächst einmal: Beton ist ein guter und vielseitiger Baustoff, denn es braucht dafür relativ wenig Know-how. Das Problem ist nicht der Beton, sondern unsere Sucht nach ihm. Holz hingegen ist ein organisches Material voller Fehler. Mit dem Werkstoff umzugehen, braucht sehr viel Wissen. Im Vergleich zu Beton ist der Einsatz von Holz immer noch etwa fünfzehn Mal kleiner. Aber wir sehen klar, dass eine Transformation im Gang ist, und genau diesen Prozess wollen wir mit dem Buch unterstützen. Grundsätzlich müssen wir Materialien, die auf fossilen Rohstoffen basieren, auf ein Minimum reduzieren. Holz treibt diesen Transformationsprozess voran und kommt unterdessen nicht nur bei ländlichen Gebäuden zur Anwendung, sondern vermehrt auch in Städten und für alle Bautypologien.

Warum haben Sie eine rein schweizerische Perspektive gewählt?

Natürlich handelt es sich um ein globales Thema und eine weltweite Entwicklung. Wir sehen das Buch als eine Art Fallstudie auch für andere Länder. Denn dank der überschaubaren Grösse, der Lage und der gut dokumentierten Geschichte ist die Schweiz ideal, um die vielfältigen Dimensionen und Zusammenhänge von Holz zu verstehen. Speziell am Beispiel Schweiz ist zudem, dass wir betreffend handwerklichem Knowhow und technologischer Innovationen und digitaler Fertigungsprozessen mit Holz federführend sind.