close

Ausstellung: Touch Wood

Modulor | #4/2022

Die Vielfalt des Holzes thematisiert die Ausstellung «Touch Wood» im ZAZ Bellerive und lädt ein, die für die Gesellschaft so entscheidende Rolle des Holzes neu zu überdenken und zu diskutieren. Ob es nun um den CO2-Ausstoss, technologische Entwicklungen, die Veränderungen der Stadtlandschaften oder unser Verhältnis zur Natur geht – rund um das Material werden in Architektur und Städtebau einige der derzeit interessantesten Auseinandersetzungen über die Zukunft geführt. Daher schenkt das KuratorInnen-Team Carla Ferrer, Thomas Hildebrand und Celina Martinez-Cañavate der Ausstellung auch genügend Platz: Auf über 400 m2 Ausstellungsfläche wird dem Holz mit vielfältigen Raumstrukturen die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. Passend zur Ausstellung wurde das gleichnamige Buch «Touch Wood – Material, Architektur, Zukunft» bei Lars Müller Publishers publiziert.

Die Ausstellung «Touch Wood» erforscht das vielseitige Material Holz aus unterschiedlichen Perspektiven. Was fasziniert euch an dem Naturstoff?

Mit dem Klimawandel und der anstehenden Dekarbonisierung steht unsere Welt vor einem fundamentalen Strukturwandel, der aber gleichzeitig auch Chancen bietet. Die Bauwirtschaft muss hierfür eine zentrale Rolle einnehmen. Der Baustoff Holz kann massgeblich zur Dekarbonisierung beitragen und ist gleichzeitig auch ein wichtiges Sinnbild für einen Kulturwandel in der Architektur und der Bauindustrie. Diese Ressource muss aber auch differenziert betrachtet werden: Zwar engagiert sich bereits die jüngere Generation sehr stark mit dem Material, das Wissen jedoch, von wo das Holz kommt, wie viel wir davon haben und welche Anwendungen tatsächlich nachhaltig sind, bedingt eine bewusstere Auseinandersetzung mit dem Material und schlussendlich auch mit der Landschaft. Die Nutzung von Holz fordert uns auf, ein verstärktes Verständnis für die Verbindung zwischen der Ressource (Wald) und dem Material (Holz) zu entwickeln. Wollen wir zukünftig mit mehr biologischen Materialien bauen, brauchen wir wieder ein besseres Verständnis für den Rhythmus der natürlichen Welt. «Touch Wood» ist sowohl praxisnah als auch visionär. Dem Titel entsprechend, lädt sie uns ein, das Material zu erleben, zu erforschen, und damit die natürliche Umwelt neu zu entdecken. Andererseits evoziert der Titel auch Glück und die Hoffnung, den globalen Herausforderungen intelligent und zeitnah zu begegnen.

Gemeinsam co-kuratiert ihr die Ausstellung im ZAZ Bellerive. Wie kam es dazu? 

Wir drei arbeiten schon seit längerem zusammen, zu verschiedenen Zeitpunkten und in verschiedenen Konstellationen. Als praktizierende, lehrende und forschende ArchitektInnen befinden wir uns zwar in unterschiedlichen Stadien unserer Laufbahn, hatten aber gemeinsam das Bedürfnis, mehr über Holz zu erfahren. «Touch Wood» entstand als unabhängiges Forschungsprojekt, welches in seiner Entwicklung auf eine breite Unterstützung aus Wissenschaft, Industrie und Praxis zählen durfte. Hauptziel von «Touch Wood» ist die Zusammenführung eines breiten Knowhows über Holz – vom Wald bis zur Architektur. Daraus resultierend, entstand einerseits die haptisch erfahrbare Ausstellung im ZAZ Bellerive, die dem Besucher die sinnlichen Qualitäten von Holz auf verschiedene Weisen vermittelt, andererseits die Publikation mit Lars Müller Publishers, in welcher ExpertInnen diverser Disziplinen über das Material, die Architektur und die Zukunft im Schaffen mit Holz schreiben.

Welches aktuelle Projekt seht ihr als Vorreiter, um das Potenzial des Holzes aufzuzeigen?

In unserer Arbeit ist klar geworden, dass Holz in allen Anwendungsbereichen der Architektur angekommen ist. Ob Wohngebäude, Bildungsbauten, Bürogebäude, Industriehallen oder Infrastrukturbauten, das Bauen mit Holz ist in allen Massstäben sowohl im ländlichen wie auch im urbanen Kontext zu finden. Dies ist in der Ausstellung im Modellraum sehr gut erfahrbar: Über 60 Projekte präsentieren eine breite Palette besonderer Aspekte des zeitgenössischen Schweizer Holzbaus. Aktuelle Forschung in Industrie und Praxis deuten darauf hin, dass hybride Bausysteme in Zukunft prägend sein werden. Um weniger Ressourcen zu verbrauchen, werden verschiedene Materialien optimal miteinander in Beziehung gesetzt. Das energiepositive Projekt Hortus von Herzog & de Meuron bspw. ist inspirierend, ein Entwurf bei welchem «alte» organische Baumaterialien (u.a. Holz, Lehm und Altpapier) mit aktuellen Technologien konstruktiv neu gedacht werden.

Holz wird immer in einem Zug mit Nachhaltigkeit genannt. Was hat d as Material abseits dieses Ökostempels noch zu bieten? 

Ganz wichtig; es gibt uns die Möglichkeit, über unser Verhältnis zur Natur und unseren zukünftigen Umgang mit (produktiven) Landschaften nachzudenken. Neben der Eigenschaft eines erneuerbaren Materials und als CO2-Speicher hat Holz zudem ganz viel zu bieten. Es ist leicht und eignet sich daher gut für Aufstockungen im urbanen Raum. Zudem erlaubt die Transformierbarkeit des Materials die Erstellung von vorgefertigten Bauteilen und die Möglichkeit, diese wiederzuverwenden. Schliesslich hat Holz sinnliche Qualitäten; es fühlt sich warm an, riecht gut und ermöglicht gesunde Lebensräume. Holz ist aber nicht die Antwort für überall. Gerade in Zonen der Welt, wo derzeit die grösste Bauaktivität stattfindet, wie bspw. im asiatischpazifischen Raum fernab von Wäldern, müssen andere organische Materialien wie bspw. Bambus oder Lehm ihren Nutzen finden. Die Verwendung von Holz in der Architektur wurde über die Jahrhunderte hinweg durch den geografischen Kontext, Lebensweisen und Technologien beeinflusst. Das Verständnis dieser Zusammenhänge ist also entscheidend für die Erforschung und zukünftige Anwendungsmöglichkeit des Materials.